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Forum Religionspädagogik: Trauma bei Kindern und Jugendlichen.

Beim diesjährigen Linzer Forum Religionspädagogik am 21. März 2019 referierte Frau Prof. Dr. Helga Kohler-Spiegel im Priesterseminar der Diözese Linz vor mehr als 100 Interessierten zum Thema "Traumatisierte Kinder und Jugendliche. Verstehen - auffangen - stabilisieren".

Prof. Dr. Helga Kohler-Spiegel, Hochschulprofessorin an der PH Vorarlberg in Feldkirch sowie Psychotherapeutin, Lehrtherapeutin und Supervisorin in freier Praxis stellte theoretische Grundlagen zu Traumata dar und benannte mögliche Formen des Umgangs mit betroffenen Kindern und Jugendlichen. Beispiele aus dem Schulalltag und der psychotherapeutischen Praxis verdeutlichten die Relevanz, sich mit diesem Thema auch religionspädagogisch auseinanderzusetzen.

Helga Kohler Spiegel benennt ein Trauma als ein Ereignis, das beim betroffenen Menschen eine massive, leidvolle seelische Erschütterung nach sich zieht. Unterschiedliche Situationen können bei Menschen Traumata auslösen, die Wahrnehmung beeinflussen, Grundannahmen erschüttern, das Zeitempfinden verändern, das Leben bedrohen und irritieren. Insbesondere bei Kindern und Jugendlichen können Traumatisierungen das Selbstvertrauen und das Selbstbewusstsein nachhaltig beeinflussen. Um zu verstehen, was bei einem Trauma abläuft, greift Frau Kohler-Spiegel auf die Gehirnforschung zurück und zeigt auf, dass Traumatisierungen eine Übererregung des Gehirns bewirken, die ein "Krisenprogramm im Gehirn" auslöst, das als Schutzprogramm auftritt.  Zu fliehen, zu kämpfen, zu erstarren, sich anzupassen oder zu unterwerfen sind mögliche Reaktionen. Wenn keine Möglichkeiten der Enttraumatisierung gefunden werden, können posttraumatische Belastungsstörungen folgen. In der Schule kann sich dies in Leistungsabfall, Schulverweigerung, Gedächtnis- und Konzentrationsschwierigkeiten, Misstrauen, großer Unsicherheit sowie fehlenden Selbst-, Affekt- und Impulsregulierungsfähigkeiten zeigen.

Im Schulalltag kann helfen, Schülerinnen und Schüler einen guten Ort bereitzustellen, sie ernst zu nehmen und ihnen zu helfen, dass Verstand und Gefühl in Kontakt kommen. Traumasensible Lehrpersonen nehmen eine wichtige BeobachterInnen- und VermittlerInnerolle ein, agieren ruhig, setzen Grenzen, bauen vertrauensvolle Beziehungen auf, nutzen inner- und außerschulische Ressourcen, pflegen eine gute Gesprächskultur, helfen dem Kind, Orientierung zu finden und reflektieren ihr eigenes Verhalten. Sie deuten Übererregung nicht als Provokation, sondern zeigen Interesse, vermeiden Machtkämpfe, aber bleiben präsent und sorgen für Sicherheit. Für die Praxis sind der Aufbau von Beziehungen, das Zutrauen in eigene Fähigkeiten sowie die Gelegenheiten zu Beteiligung und Eigenleistung zentral.

Abschließend verdeutlicht Helga Kohler-Spiegel bezogen auf die Dimensionen des Glaubens die jüdisch-christliche Grundhaltung: Christlicher Glaube ist ein Angebot, sich binden zu dürfen - entgegen aller Erfahrungen, dass Bindungen brüchig sind. Die heilvolle Nähe Gottes ist erfahrbar, indem Menschen bei sich und beim anderen Menschen sind, was zu Veränderungen führen kann. Angst gehört zum Menschsein, so ist eine Kernbotschaft der Bibel die Zusage "Fürchtet euch nicht", "Ich bin da". Nicht ein leidfreies, sondern ein begleitetes Leben ist das Versprechen.

Das Linzer Forum Religionspädagogik ist eine Diskursplattform des Instituts für Religionspädagogik, des Bereichs Fortbildung Religion an der Pädagogischen Hochschule der Diözese Linz und des Instituts Katechetik, Religionspädagogik und Pädagogik an der Katholischen Privat-Universität Linz. Es finden jährlich Veranstaltungen zu aktuellen religionspädagogischen Themen statt.

22.3.2019/Helena Stockinger/he

Prof. Dr. Helga Kohler-Spiegel referierte beim Linzer Forum Religionspädagogik.